5 Anzeichen, dass ein Kratzer zu tief zum Wegpolieren ist
Du kommst vom Einkaufen zurück, und auf der Fahrertür zieht sich eine feine, helle Linie quer über den Lack. Ein Einkaufswagen, ein Ast, ein Rucksack, wer weiß das schon. Die erste Frage ist immer dieselbe: Bekomme ich das mit einer Politur selbst weg, oder muss das Auto zum Lackierer? Wer einfach drauflos poliert, verliert im schlechtesten Fall Klarlack und behält den Kratzer trotzdem.
Ob du einen Kratzer wegpolieren kannst, entscheidet seine Tiefe im Verhältnis zum Klarlack. Fünf Anzeichen zeigen dir vor dem ersten Polierstrich, wann eine Handpolitur reicht und wann der Kratzer in die Grundierung geht und eine Lackreparatur braucht.
1. Der Fingernagel bleibt in der Rille hängen
Bleibt dein Fingernagel quer über dem Kratzer spürbar hängen, reicht die Kerbe meist durch den nur 30 bis 50 Mikrometer dicken Klarlack, und eine Politur kann sie höchstens abschwächen.
Wer einen Kratzer wegpolieren will, trägt in Wahrheit den intakten Klarlack daneben ab, bis die Fläche auf dem Grund der Rille liegt. Der Kratzer verschwindet, weil seine Kanten verschwinden. Das funktioniert nur, solange unter dem Grund der Rille noch genug Klarlack übrig ist.
Zur Einordnung hilft ein Blick auf den Lackaufbau. Ab Werk liegt auf dem Blech zuerst die kathodische Tauchlackierung mit 15 bis 25 Mikrometern, darüber der Füller mit 25 bis 40, dann der farbgebende Basislack mit nur 10 bis 20 und ganz oben der Klarlack. Zusammen sind das bei europäischen Herstellern meist 80 bis 150 Mikrometer. Polieren darfst du davon nur an der obersten Schicht, und auch dort nur an einem kleinen Teil.
Der Fingernageltest ist trotzdem kein Bauchgefühl, sondern die erste Prüfung, die auch Dr. Wack in der Produktinformation zum A1 "Kratzer Polish" nennt: Wenn du den Kratzer mit dem Fingernagel noch spürst, ist er meistens schon zu tief. Mach ihn richtig, dann ist er aussagekräftig. Die Stelle ist gewaschen und trocken, der Nagel steht etwa im rechten Winkel und gleitet mit wenig Druck quer über die Linie, nicht längs hinein.
Gleitet der Nagel glatt darüber, sitzt der Kratzer mit hoher Wahrscheinlichkeit im Klarlack. Das ist der Fall, für den eine Politur gemacht ist. Dann kannst du den Kratzer wegpolieren, ohne Reserve zu verschenken. Hakt er spürbar ein, hörst du hier auf. Eine Grenze hat der Test: Auf sehr weichem Unilack spürt ein empfindlicher Nagel auch Rillen, die noch polierbar sind. Deshalb kommen die nächsten vier Anzeichen dazu, bevor du entscheidest.
2. Der Kratzer bleibt sichtbar, wenn die Stelle nass ist
Verschwindet ein Kratzer, solange die Stelle nass ist, liegt er sehr wahrscheinlich nur im Klarlack. Bleibt er unter Wasser als Linie stehen, ist die Farbschicht darunter meist schon verletzt.
Der Grund liegt in der Optik. Ein Kratzer im Klarlack hat keine eigene Farbe, du siehst ihn nur, weil seine rauen Flanken das Licht in alle Richtungen streuen. Deshalb wirkt er weiß oder silbrig. Klarlack bricht das Licht mit einem Wert von etwa 1,5, Wasser mit etwa 1,33 und Luft mit 1,0. Füllt Wasser die Rille, ist der Unterschied zum Lack plötzlich klein, die Streuung bricht zusammen, und die Linie wird für einen Moment fast unsichtbar.
So gehst du vor: Stelle waschen, mit klarem Wasser benetzen, ohne Shampoo, ohne Glanzverstärker und ohne Wachs, und dann aus mehreren Winkeln draufschauen. Verschwindet die Linie fast vollständig, ist das ein gutes Zeichen. Kehrt sie beim Abtrocknen zurück, ist das normal. Sie war nie weg, das Wasser hat sie nur optisch überbrückt.
Bleibt sie dagegen auch im nassen Zustand klar sichtbar, als dunkle Linie auf hellem Lack oder als helle Linie auf dunklem, hat der Kratzer den Klarlack durchbrochen. Dann trägt keine Politur genug Material ab, um ihn verschwinden zu lassen, denn dafür müsste der gesamte Klarlack ringsum bis auf die Tiefe der Rille herunter. Genau diese Prüfung kostet dich zwei Minuten und erspart dir eine Stunde Arbeit an einer Stelle, die du nicht retten kannst.
3. Im Kratzer schimmert eine andere Farbe als der Lack
Siehst du im Grund des Kratzers Grau, mattes Weiß, Schwarz oder blankes Metall, ist er durch Klarlack und Basislack gegangen, und keine Politur kann die fehlende Farbschicht ersetzen.
Nimm für diese Prüfung eine Lupe oder die Kamera deines Handys mit Zoom und eine kleine Lampe. Ein Kratzer, der nur im Klarlack liegt, zeigt im Grund die Farbe deines Autos, nur heller und matter. Ist die Linie dunkler als der Lack drumherum, ist meistens der Basislack angekratzt. Grau oder mattes Weiß deutet auf den Füller beziehungsweise die Grundierung, glänzendes Silber oder schon bräunlicher Rost auf das Blech.
Ab dieser Stelle hilft Abtragen nicht mehr, denn das Problem ist fehlendes Material. Kleine, tiefe Kratzer bis aufs Blech verschließt du zeitnah mit einem Lackstift, damit Feuchtigkeit und Streusalz im Winter keinen Rost unter den Lack schieben. Schön wird das selten, weil die Farbe aus dem Stift dicker aufträgt als ein gespritzter Lack. Optisch sauber wird so eine Stelle erst mit Spot-Repair oder einer Lackierung.
Ehrlich ist auch der umgekehrte Fall. Auch Dr. Wack schreibt, dass Kratzer, die bis zur Grundierung reichen, mit dem A1 "Kratzer Polish" nur abgeschwächt werden. Die Politur rundet die scharfen Kanten der Rille ab, dadurch streut sie weniger Licht und fällt im Alltag weniger auf. Weg ist der Kratzer damit nicht, und vor einer Leasingrückgabe gilt so eine Stelle weiter als Lackschaden.
4. Nach zwei Durchgängen zeigt das Kontrollspray dieselbe Kante
Ist der Kratzer nach zwei sauberen Durchgängen und dem Abwischen mit einem Kontrollspray unverändert, liegt er tiefer, als eine Handpolitur in vertretbarer Zeit abtragen kann.
Ein Testabschnitt ist die ehrlichste Diagnose, wenn die ersten drei Anzeichen keine klare Antwort geben. Mit dem A1 "Kratzer Polish" sieht das laut Hersteller so aus: Tube schütteln, eine Menge von etwa einem Zentimeter Durchmesser auf ein leicht angefeuchtetes Mikrofasertuch, dann mit viel Druck in kleinen Kreisen bis zu einer Minute einpolieren. Antrocknen lassen, mit der trockenen Tuchseite abnehmen. Das Ganze bei 20 bis 25 Grad, im Schatten und auf kühlem Lack.
Ein einzelner Kratzer auf einer Tür ist dabei die ideale Testfläche. Du arbeitest auf einer Fläche von etwa einer Handfläche, der Rest des Bauteils bleibt unberührt, und das Ergebnis ist direkt mit dem Lack daneben vergleichbar. So kannst du den Kratzer wegpolieren, ohne gleich die ganze Tür zu bearbeiten, und merkst früh, ob sich die Kante überhaupt bewegt.
Danach kommt der Schritt, den viele weglassen. Viele Polituren und fast alle Kratzerentferner aus dem Baumarkt enthalten Öle oder Silikon, die sich in die Rille legen und sie füllen. Das sieht in der Garage perfekt aus und ist nach drei Wäschen wieder da. Das Panel Preparation Spray "Pps" von Koch-Chemie ist ein alkoholbasierter Entfetter, der diese Reste abnimmt und dir zeigt, was am Kratzer wirklich passiert ist.
Genau so hat AUTO BILD 2022 zehn Kratzerentferner geprüft: Nach dem Polieren wurden die Testfelder mit einer Alkohollösung abgewischt und neu bewertet. Bei manchen Produkten stand der Kratzer danach fast unverändert da. Das A1 "Kratzer Polish" hielt den Glanz und gewann mit 259,5 von 300 Punkten und der Note 1,6. Wichtig für dich ist die zweite Aussage desselben Tests: Keines der Mittel hat tiefe Kratzer bis auf Decklack oder Grundierung beseitigt.
Daraus ergibt sich eine einfache Abbruchregel. Wird die Kante nach dem ersten Durchgang sichtbar weicher, wiederholst du einmal und prüfst erneut mit Kontrollspray. Ist sie nach dem zweiten Durchgang so scharf wie vorher, hörst du auf. Eine Handpolitur trägt pro Durchgang deutlich unter einem Mikrometer ab, eine Exzentermaschine mit mittlerer Politur ein bis zwei. Ein Kratzer, der sich nach zwei Runden nicht bewegt, frisst mit jeder weiteren Runde nur Klarlack.
5. Der Kratzer läuft über eine Kante oder Sicke
Sitzt ein Kratzer auf einer Karosseriekante, einer Sicke oder einem Falz, ist der Klarlack dort ab Werk dünner, und schon ein mittlerer Kratzer erreicht dort schneller die Farbschicht als auf der Fläche.
Beim Lackieren zieht sich der noch flüssige Klarlack durch seine Oberflächenspannung ein wenig von scharfen Kanten zurück, bevor er aushärtet. Auf der Fläche hat die Tür vielleicht 40 Mikrometer Klarlack, auf der Kante darüber spürbar weniger. Ein Kratzer, der in der Mitte der Tür harmlos wäre, liegt an der Kante deshalb oft schon im Basislack, auch wenn er gleich aussieht.
Dazu kommt das Werkzeug. An einer Kante liegt jedes Pad und jedes Tuch nur auf wenigen Quadratmillimetern auf, der Druck konzentriert sich, und die Kante kann die Wärme kaum ableiten. Mit der Maschine ist das die klassische Stelle, an der Lack durchpoliert wird. Profis kleben Kanten deshalb vor jeder Maschinenpolitur ab und arbeiten nur bis kurz davor. Von Hand ist das Risiko kleiner, aber nicht null, gerade wenn du mit viel Druck arbeitest.
Ähnlich vorsichtig wirst du auf lackierten Kunststoffteilen wie dem Stoßfänger. Kunststoff leitet Wärme schlecht ab, der Lack darauf erhitzt sich unter Reibung schneller als auf Blech. Hast du Zweifel, ob ein Teil schon einmal nachlackiert wurde, gibt ein Lackschichtdickenmessgerät beim Lackierer oder Aufbereiter in Sekunden Auskunft. Werte zwischen 200 und 300 Mikrometern deuten auf eine Reparaturlackierung hin, und die verhält sich beim Polieren anders als Werkslack.
Drei Produkte reichen für jeden Kratzer im Klarlack
Zeigen alle fünf Anzeichen grün, bekommst du einen einzelnen Klarlackkratzer mit drei Dingen weg: einer silikonfreien Kratzerpolitur, einem Kontrollspray und einem sauberen Tuch zum Abnehmen.
Das A1 "Kratzer Polish" von Dr. Wack ist für genau diesen Fall gebaut: Waschanlagenkratzer, Feinkratzer durch Sträucher, Kratzer in Türgriffmulden und auf lackierten Stoßfängern, laut Hersteller auch auf harten Scheinwerfern aus Kunststoff. Die 50-ml-Tube reicht für viele einzelne Stellen, weil du pro Abschnitt nur eine Menge von etwa einem Zentimeter brauchst. Ihre Grenze steht oben: Sie trägt ab und füllt nicht, also bleibt ein Kratzer bis in die Grundierung sichtbar. Auf Mattlack, mattierter Folie und Chrom hat sie nichts verloren.
Das Panel Preparation Spray "Pps" ist dein Schiedsrichter nach jedem Durchgang. Eine 500-ml-Flasche hält für viele Prüfungen, weil zwei, drei Sprühstöße pro Testabschnitt reichen. Es reinigt nicht und es poliert nicht. Es nimmt Öle und Polierreste ab, damit du siehst, was die Politur wirklich geschafft hat, und es bereitet die Fläche für ein Wachs oder eine Versiegelung vor.
Zum Abnehmen gehört ein weiches, nahtloses Tuch, damit beim letzten Handgriff keine neuen Spuren entstehen. Das A1 "DAS TUCH" Premium Mikrofaser ist mit 40 mal 40 Zentimetern beidseitig hochflorig und ultraschallgeschnitten, ohne Kettelnaht an der Kante. Es ist kein Polierwerkzeug, sondern das zweite Tuch neben dem, das der Politur beiliegt: eines leicht feucht zum Einarbeiten, eines trocken zum Abnehmen. Vor dem ersten Einsatz einmal bei 60 Grad ohne Weichspüler waschen.
Wenn du ohnehin am Wochenende polieren willst, mach die Diagnose heute Abend. Fingernagel, Wasser und Lupe brauchen zusammen keine zehn Minuten. Am Samstag weißt du dann, welche Stellen du selbst machst und welche du gesammelt dem Lackierer zeigst.
Wie viel Klarlack dir über die Jahre insgesamt zur Verfügung steht, steht ausführlich im Beitrag Kratzer auspolieren: wie viel Klarlack du wirklich hast. Wie du den Lack mit der Lampe richtig ausleuchtest, erklärt 5 Fehler beim Ausleuchten, die Hologramme im Lack verstecken.
Detailing1-Insight: Kratzer erreichen uns oft per Foto, und darauf sehen fast alle gleich aus. Den Unterschied macht die Reihenfolge vor Ort: erst Fingernagel, dann die nasse Stelle, dann die Lupe, und erst danach die Tube. Wer mit der Politur anfängt, poliert einen Schlüsselkratzer bis in die Grundierung oft zehn Minuten lang und hält die glänzende, abgerundete Rille danach für fast weg. Nach dem Kontrollspray steht sie wieder da. Zwei Durchgänge, dann entscheiden, und der Lack behält seine Reserve.
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